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Donnerstag, 2. Mai 2013

Margarete Barainsky: Seniorenliteratur

-cp- Margarete Barainsky stammt aus einer Musikerfamilie und hat auch selbst lange Musik gemacht, im Bereich klassischer Gesang. Seit einigen Jahren hat sie sich aber verstärkt der Literatur zugewandt und im Alter von 84 Jahren einen Roman veröffentlicht, der die Situation der Senioren in Deutschland an einer beispielhaften Geschichte reflektiert. Der Roman heißt Diese Alten!, ist beim BOD-Verlag erschienen und überall im Buchhandel erhältlich. Nun ist ihr zweiter Roman in Arbeit und soll noch vor dem Sommer erscheinen. Mehr über die Autorin ist auf ihrer Homepage zu erfahren: Margarete Barainsky - Seniorenliteratur.

Montag, 11. Februar 2013

Wenn Hexen im Zug fahren und Gnome die Uhr stellen ... - Moderne Märchen

Mit der CD „Die Hexe im Zug“ gibt der TimpeTe-Verlag eine alternative Antwort auf die Frage, was eigentlich unter dem Begriff Moderne Märchen zu verstehen sein könnte. Die sieben Geschichten spielen im Märchenland Lugabugien, in dem vieles so ganz märchentypisch ist: Hier leben Prinzen und Prinzessinnen, Hexen und Feen, Riesen und Wichtel. Doch während die bekannten Grimm- und Andersen-Märchen in einer vorindustrialisierten Gesellschaft spielen, werden die Figuren auf dieser CD mit Aspekten der beginnenden Moderne konfrontiert: Die Hexe muss ihr Knusperhaus räumen, weil es dem Eisenbahnbau im Weg ist. Ein Wasserwichtel verträgt es nicht, wenn man ihn fotografiert. Die eine Prinzessin sammelt Gartenzwerge, die andere braucht Flügel, um ihren Traumprinzen im Wolkenschloss zu besuchen. Und wenn der Prinz etwas über Kräuter und Gewürze erfahren möchte, dann fragt er kein altes Kräuterweib, sondern wirft einen Blick in die große Enzyklopädie von Lugabugien. Wenn die Fabelwesen mit der Moderne konfrontiert werden, entstehen ganz besondere Situationen und Konflikte, die nicht nur eine neue Sichtweise auf Moderne Märchen anbieten, sondern auch die Gattung Märchen an sich um einige Facetten erweitert. Von diesen gattungsspezifischen Hintergrundgedanken funktioniert die CD aber auch auf der Unterhaltungsebene, und so bieten die Märchen auf „Die Hexe im Zug“ humorvolle-märchenhafte Unterhaltung mit einigen Überraschungen. Empfohlen wird die CD für Kinder ab fünf Jahren, die an den schrägen, aber immer kindgerechten Geschichten, ihre Freude haben werden. Aber auch ältere Kinder und Erwachsene werden durch die verdrehten Märchen wunderbar unterhalten. Quelle: www.moderne-maerchen.com

Donnerstag, 29. November 2012

Der Löffel - mehr als nur ein Alltagsbegleiter

-cp- Beinahe täglich benutzen wir Löffel, zum Beispiel um Kaffee oder Tee damit umzurühren oder einen Pudding zu essen. Der Löffel ist ein permanenter Begleiter des Alltags, und meist nehmen wir ihn gar nicht mehr bewusst wahr. Wer kann schon sagen, wie der Löffel ausgesehen hat, der beim letzten Cafébesuch den servierten Cappuccino begleitet hat. Aber der Löffel taucht auch in unserer Sprache auf. Wir kennen die Ausdrücke "Mit einem goldenen Löffel im Mund geboren werden" oder auch "Den Löffel abgeben". Beide Redewendungen weisen auf etwas Existenzielles hin. So ist auch der Begriff "Löffelliste" in den letzten Jahren bekannt geworden. Ausgangspunkt war der Film Das Beste kommt zum Schluss. Zwei ältere kranke Herren schreiben "Löffellisten", auf denen sie festhalten, was sie noch erleben wollen, bevor sie "den Löffel abgeben müssen". Nicht nur als Redewendung, sondern tatsächlich spielt der Löffel noch in einem anderen Film eine große Rolle. In "Flucht von Alcatraz" bricht Clint Eastwood mit Hilfe diverser Löffel aus dem Gefängnis aus. Diesem Beispiel folgte 2010 eine Niederländerin (Artikel).

Das Buch Teelöffelmärchen befasst sich auf ganz andere Weise mit dem Thema "Löffel". Es beginnt mit einer an "Dornröschen" erinnernden Situation: Die Prinzessin wille alle Feen zum Tee einladen, doch ihr fehlt ein Silberlöffelchen, um die Tafel angemessen zu decken. Nun macht sich der Prinz auf den Weg ihr einen zu besorgen. - In weiteren Märchen des Buches taucht immer wieder der fehlende (einst aus dem Königsschloss gestohlene) Löffel auf: Ein Zauberer nutzt ihn, um einen Zaubertrank umzurühren, ein Räuber nimmt ihn als Bierlöffel und (in einem Rückblick) erfahren wir, wie dieser Löffel überhaupt hergestellt wurde. Augenzwinkernd leichte Märchen mit philosophischem Hintergrund. -- Weitere Löffelempfehlungen gibt es in der Löffelliste.

Dienstag, 28. August 2012

HoerSketch heißt jetzt TimpeTe

-cp- Das CD-Label HoerSketch ist nun Teil des neuen TimpeTe-Verlags. Der Verlagsname wurde vom bekannten Ausspruch des Fischers in dem Grimm-Märchen "Vom Fischer und seiner Frau" abgeleitet. Neben den Märchen-CDs der HoerSketch-Reihe sind bei TimpeTe auch Märchenbücher für die ganze Familie sowie Sachbücher und belletristische Stoffe für eher erwachsene Leser zu finden. Zudem gibt es die märchenhaften Cover-Motive nun auch auf T-Shirts und Kaffeebechern.

Freitag, 27. April 2012

Lesehunger

-cp- "Das grenzenloseste Abenteuer der Kindheit, das war das Leseabenteuer. Für mich begann es, als ich zum ersten Mal ein eigenes Buch bekam und mich da hinein schnupperte. In diesem Augenblick erwachte mein Lesehunger, und ein besseres Geschenk hat das Leben mir nicht beschert." (aus: Astrid Lindgren, "Das entschwundene Land") In diesem Sinne der Hinweis auf einen Appetitmacher: Die Stiftung Lesen hat gemeinsam mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung das Projekt Lesestart ins Leben gerufen. So sinnvoll das Projekt auch ist, muss die Frage aufgeworfen werden, warum es so lange gedauert hat, waren doch die Erfolge von Bookstart in England seit Anfang der 90er Jahre bekannt. Zu hoffen bleibt, dass die Familien auch Unterstützung erhalten, was die Umsetzung angeht. Hier sind sicherlich die Kitas gefragt. Siehe auch: Literaturkita.

Sonntag, 22. April 2012

Fußball und Märchen

-cp- Die Fußball-Saison nähert sich ihrem Ende. Der deutsche Meister 2011/2012 steht schon fest, im DFB-Pokal und in der Champions-League folgen die Endspiele in den nächsten Woche. Mittlerweile ist schon Normalität geworden, dass im Zusammenhang mit Fußball das Wort Märchen verwendet wird. So wurde vor ein paar Wochen das Ausscheiden von Hannover 96 im Viertelfinale der Euro League als "Ende eines Märchens" bezeichnet (Handelsblatt). Nicht ganz unproblematisch, da der Begriff "Märchen" im Zusammenhang mit sportlichen Erfolgen die Leistung der Sportler schmälert. Etwas anders ist es ja bei der Fußball-WM 2006 gewesen, als der Begriff Märchen zwar in Bezug auf die Deutsche Nationalmannschaft, aber durchaus auch in Bezug auf die Atmosphäre der gesamten Weltmeisterschaft verwendet wurde. Der Spiegel schrieb, Jürgen Klinsmann habe den deutschen Märchenkanon erweitert. Die Film-Dokumentation von Sönke Wortmann trägt folgerichtig sogar den Titel Deutschland - Ein Sommermärchen.

Nachdem die Deutsche Meisterschaft für Bayern München durch die Niederlage in Dortmund in kaum noch erreichbare Ferne gerückt war, konnte man zudem mal wieder verbale Spitzen beobachten, in denen sich besonders Uli Hoeneß hervortat, was seinen Ruf als schlechter Verlierer mal wieder bestätigte. Er warf BVB-Boss Watzke vor, er würde in Bezug auf die Budgets der Bundesligisten "Märchen erzählen" (Süddeutsche). Also Märchen im Sinne von Lügengeschichten.

Es scheint, als seien gegenwärtig die Begriffe Fußball und Märchen kaum zu trennen. Die sowieso schon strittige Frage, was eigentlich moderne Märchen sind, ist also nicht nur literaturwissenschaftlich, sondern auch durch "König Fußball" zu beantworten.

Sonntag, 18. März 2012

Phoebe im Wunderland

-cp- Phoebe (Elle Fanning) ist anders als andere Kinder. Sie ist etwas verträumt, lebhaft in ihrer Fantasie, und zwischendurch, wenn sie sich in die Enge getrieben fühlt, rutscht ihr auchschon mal eine unbequeme Bemerkung heraus, sie spuckt anderen Kindern ins Gesicht oder gibt sich ihrem Waschzwang hin. In ihrer Schulklasse hat sie einen schweren Stand, und auch ihre Eltern sind überfordert. Dann kommt eine neue Lehrerin an die Schule, eine Theaterpädagogin, die auch noch Phoebes Lieblingsgeschichte aufführen möchte: Alice im Wunderland. Ihr gelingt es, einen Draht zu dem Mädchen zu bekommen. ...

Eine Stärke des Films ist, neben der tollen Besetzung und feinfühligen Regie, dass Phoebes "abweichendes Verhalten" häufig in Bezug zu ihrer Umwelt gezeigt wird. So empfindet man ihre Reaktionen (und solche sind es) zwar hier und da überzogen, in der Sache aber nachvollziehbar. Es ist ein interessanter Blick auf ein Umfeld, in dem es ein ungewöhnliches Mädchen mit überforderten Lehrern und Eltern und mit einer oft verletzenden und ihr gegenüber ungerechten Schulklasse zu tun bekommt. Was Phoebes Stellung und ihr Problem angeht, kommt der Film ohne pädagogischen Zeigefinger aus und zeigt subtil, wie wichtig es ist, bei den Ressourcen der Kinder anzusetzen. - Dies ist in der Darstellung der Erwachsenen leider wenig geglückt, gerade die Lehrer sind etwas undifferenziert dargestellt, und die Geschichte der Theaterpädagogin scheint eine billige Variante eines ungleich besseren Lehrer-Portraits zu sein, das nämlich, das man ausDer Club der toten Dichter kennt.

Fazit: "Phoebe im Wunderland" ist ein schöner, warmherziger Film über eine Außenseiterin, der ruhig erzählt ist, manchmal vielleicht zu ruhig, und der dank einer tollen Kinderdarstellerin über die Schwächen der Geschichte, der etwas undifferenzierten Darstellung der Erwachsenenfiguren, hinwegrettet.

Technische Bewertung: Der Ton des Films ist leider ziemlich schlecht. Die einzelnen Figuren sind an vielen Stellen unterschiedlich ausgesteuert, und die Musik ist im Verhältnis zu den Dialogen viel zu laut, sodass man gezwungen ist, hier und da mit der Fernbedienung hin und her zu regeln. - Die Extras sind eher dürftig, es gibt lediglich einige Trailer, die zum Großteil eine deutlich B-Movie-Anmutung haben.

Freitag, 27. Januar 2012

Peterchens Mondfahrt (Titania)

-cp- Peterchens Mondfahrt von Gerdt von Bassewitz feiert in diesem Jahr (2012) seinen einhundertsten Geburtstag. Von Bassewitz schrieb das Märchen im Alter von 33 Jahren während einer Kur, zunächst in einer Theaterfassung. Ein Jahr später wurde das Stück aufgeführt. 1923 las er im Rahmen einer Veranstaltung in der Villa Siemens am Wannsee aus seinem Märchen. Anschließend verließ er die Veranstaltung und nahm sich das Leben. Das Märchen „Peterchens Mondfahrt“ ist vor allem im deutschsprachigen Raum bekannt. Es gibt einige Theater-, Film- und Hörspielumsetzungen.

Die Hörspiel-Fassung von Titania stammt aus dem Jahr 2009. Wie immer glänzt die Inszenierung durch hervorragende Sprecher und eine stimmige akustische Gestaltung. Inhaltlich gibt es so einiges, das dem erwachsenen Hörer sauer aufstoßen dürfte, aber dies ist bereits dem Originalmärchen geschuldet und kein Mangel, den Titania zu verantworten hätte: So ist das Märchen deutlich von seinem pädagogischen Zeigefinger und seinen naiven Bildern bestimmt. Kinder sollen brav sein, und Freundschaft ist das Wichtigste. Diese Botschaft wird wenig subtil vermittelt, es wird ohne Umschweife genau so formuliert. Auch in der sprachlichen Gestaltung, auch dies ist bereits im Originalmärchen zu spüren, wendet sich die Geschichte eher an kleine Kinder. So kann man denn „Peterchens Mondfahrt“ als wirkliches Kindermärchen sehen, das entgegen der Märchentradition nur zum Teil familienkompatibel ist.

An der Titania-Umsetzung gibt es nicht viel zu meckern. Lediglich in einem Punkt, der auch in den anderen Hörspielen der „Titania Special“-Reihe festzustellen ist, sehe ich ein Verbesserungspotenzial: die Mischung aus Erzähltext und Dialog ist nicht optimal aufeinander abgestimmt. Der Erzähler leitet ein und hier da beschreibt er den Übergang zwischen zwei Szenen, aber seine Rolle ist sehr klein, und zwischendurch gibt es sehr lange Passagen, in denen er gar nicht zu hören ist. Ich persönlich finde den Erzähler in einem Märchenhörspiel für die Atmosphäre sehr wichtig. Bezogen auf diese Fassung von „Peterchens Mondfahrt“ habe ich das Gefühl, dass man ihn bei den paar Sätzen, die er spricht, entweder hätte weglassen können, oder aber, dass es sinnvoll gewesen wäre, seine Rolle deutlich auszubauen. Typisch Kinderhörspiel (das gibt es auch bei den Drei ??? und TKKG) sind Dialoge, in denen sich Figuren gegenseitig beschreiben, was sie sehen. Wenn man diese Dialoge weglässt und die Beschreibungen stattdessen dem Erzähler in den Mund legt, kommt deutlich mehr Märchenatmosphäre auf. Aber dieser Kritikpunkt ist wohl Geschmacksache, und alles in allem ist auch diese Hörspielumsetzung sehr gelungen.

Dienstag, 10. Januar 2012

Eskapismus oder Stimme der Sehnsucht

-cp- Es ist ja ein altes Lied, dass man der fantastischen Literatur vorwirft, sie unterstütze lediglich den Eskapismus-Tendenzen labiler Menschen, die sich dann in entsprechenden Büchern, Filmen, usw. verlieren. Diese Kritik wurde in Bezug auf J. R. R. Tolkien, Michael Ende, uva. geäußert.

Für die Sehnsucht nach dem Fantastischen hat Thomas Kielinger eine Erklärung: "Unsere Zeit leidet am Mangel politischer Größe, die sich nicht einstellen will inmitten der ökonomischen Malaise, die wie eine globale Krake das Denken gefangen hält. Helden hätte man gerne, Drachentöter, die mit dem Schwert der Rechtschaffenheit den Monstern der Gegenwart entgegentreten und ihnen den Garaus machen." (Die Welt)

Der Mangel an Komplexität, den man Figuren der Fantasy-Literatur oft nachsagt, hat eben auch eine Kehrseite: Die eher einfach gezeichneten und gradlinigen Figuren sind eher Archetypen als komplexe Charaktere, d.h. sie stehen für Grundbilder. Eine Geschichte, die Komplexität zu reduzieren versteht, und deren Bilder und Konflikte so viel überschaubarer sind als die (politische) Wirklichkeit unserer Tage, kommt einer Sehnsucht entgegen. Im Kino stehen Fantasy-Filme, (zu denen auch Comic-Verfilmungen mit Superhelden-Geschichten gezählt werden können) hoch im Kurs. Ob das der Film The Iron Lady über die "Heldin von Einst" (Kielinger) Margaret Thatcher ebenfalls einlösen kann, bleibt abzuwarten.

Samstag, 24. Dezember 2011

Die böse Stiefmutter

-cp- Wenn man es genau nimmt, werfen die Grimmschen Märchen kein gutes Licht auf gewisse Patchworkfamilien. Während man im echten Leben einer Stiefmutter nur mit Hochachtung begegnen kann, löst sie als Märchenfigur meist einen gewissen Grusel aus. In verschiedensten Märchen taucht die böse Stiefmutter auf und bringt ein hohes Maß an Terror mit sich.

Eine der bekanntesten bösen Stiefmütter ist die böse Königin aus "Schneewittchen", die zudem eine der wenigen ist, die auch noch zaubern kann. Sie begegnet uns als eine Art böse Fee. Sie ist schon ein Bösewicht, der dem Märchenliebhaber nachhaltig in Erinnerung bleibt. Kein Wunder also, dass die Figur auch für den Film interessant war und ist. 1937 hat Walt Disney eine diabolische Schneewittchen-Stiefmutter auf die Leinwand gebracht. Dieser Film, es war Disneys erster Langfilm, hat das Bild dieser Figur starkt geprägt. Nicht ganz mitgekommen ist da die großartige Performance von Sigourney Weaver im Schneewittchen-Fernsehfilm aus dem Jahr 1997 (Trailer). Gute Schauspielerei macht eben noch keinen guten Film. Im kommenden Jahr (2012) jährt sich das Erscheinen der Grimmschen Märchen zum 200. Mal. Es muss wohl diesem Anlass geschuldet sein, dass gleich zwei neue Schneewittchen-Verfilmungen den Weg ins Kino finden. Als böse Stiefmütter erwartet uns einmal Charlize Theron in Snow White and the Huntsman. Der Trailer lässt allerdings eher Fantasy-Trash für Teenager vermuten. Etwas vielversprechender sieht da der Trailer zu Spieglein, Spieglein aus, in dem Julia Roberts die böse Stiefmutter spielt. Zwar wurde auch hier das Grimmsche Original ziemlich stark bearbeitet, doch es scheint, dass dies auf sehr ironische Weise geschehen ist. Man darf gespannt sein.

Donnerstag, 22. September 2011

Die Todesstrafe

-cp- Aus aktuellem Anlass (Troy Davis' Hinrichtung): Dass die meisten Staaten der USA (neben einigen anderen Staaten weltweit) immer noch an der Todesstrafe festhalten, ist für sich genommen schon schwer nachvollziehbar. Dass aber eine Urteilsvollstreckung trotz erheblicher Zweifel an der Schuld des Verurteilten stattfindet, ist nicht zu begreifen.

Ein interessanter Gedanke hierzu findet sich bei Franz Kafka. In seiner Erzählung In der Strafkolonie ist letztlich jede Strafe eine Todesstrafe. Ein Offizier ist Richter und Henker in Personalunion. Die Strafe wird durch eine Maschine umgesetzt, die dem Verurteilten zunächst das übertretene Gebot in den Körper ritzt, bevor sie ihn nach und nach tötet. Ein Reisender teilt dem Offizier mit, dass er dieses Prozedere ablehnt. Der Offizier versucht danach aus eigenem Antrieb, sich selbst für dafür zu bestrafen, legt sich in die Maschine und will sich "Sei gerecht!" in den Körper ritzen lassen.

Dieser Höhepunkt aus Kafkas Erzählung wirft (mindestens) zwei wichtige Fragen auf: 1. Kann eine Todesstrafe überhaupt gerecht sein? (Was ist eigentlich Gerechtigkeit?)
2. Machen sich Richter und Henker durch die Vollstreckung nicht ebenfalls schuldig?

Neben Kafkas "In der Strafkolonie" gibt es noch einige andere Werke, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, u.a. sieben empfehlenswerte Filme zum Thema Todesstrafe.

Sonntag, 17. Juli 2011

London im 19. Jahrhundert

-cp- Im 19. Jahrhundert war London die wohl bedeutenste Stadt der Welt. Die Einwohnerzahl hat sich im Laufe des Jahrhunderts beinahe versiebenfacht, und die Entwicklung und der Ausbau des Eisenbahnnetzes sowie der Kanalisation haben Maßstäbe für die Infrastruktur von Metropolen gesetzt. (Geschichte Londons) Mit Jack the Ripper trieb auch der berühmteste Serienmörder der Geschichte im London des (ausgehenden) 19. Jahrhunderts sein Unwesen.

Kein Wunder, dass auch die Literatur des 19. Jahrhunderts London zu einem häufigen Handlungsort gewählt hat. In Reise um die Erde in 80 Tagen (Jules Verne) ist London als Nabel der Welt Start- und Zielpunkt der legendären Reise. Hier spielen vor allem Gentlemen eines elitären Clubs als Vertreter der Londoner Oberschicht eine Rolle. Anders ist es in den Werken Charles Dickens', der sich in Büchern wie Oliver Twist, aber auch A Christmas Carol der anderen Seite Londons annimmt. Seine Sozialdramen erzählen von Armut und Hunger in der Millionenstadt.

Neben Jack, the Ripper, dem echten "Monster", hat die Literatur auch fiktive Monster geschaffen, die in den Straßen Londons ihr Unwesen trieben. Mittels einer besonderen Droge gelingt es Dr. Jekyll in Dr. Jekyll und Mr. Hyde (Robert Louis Stevenson) die schlechten Gefühle und Gedanken zeiteweise als bösen Teil seiner Persönlichkeit abzuspalten. Da nun die guten Anteile fehlen, wird Dr. Jekyll zu Mr. Hyde, einer furchterregenden, brutalen Personen mit sadistischen und sogar mörderischen Zügen. Auch Graf Dracula (Bram Stoker), der wohl bekannteste aller Vampire, reist aus seiner transsilvanischen Heimat nach London. Oscar Wildes einziger Roman Das Bildnis des Dorian Gray spielt ebenfalls in London, und auch die Figur des Dorian Gray ist nicht ohne monströse Züge.

Bei soviel abscheulichen Gestalten sollte natürlich auch noch eine Figur erwähnt werden, die zwar als Held nicht immer strahlend ist (Stichwort: Kokainkonsum), aber moralisch zumindest auf der richtigen Seite steht und mit unvergleichlichen Fähigkeiten im logischen Denken jedem noch so raffinierten Bösewicht das Handwerk legt. Die Rede ist natürlich von Sherlock Holmes (Arthur Conan Doyle).

Interessant ist, auch wenn die märchenhafte Geschichte zwar im 19. Jahrhundert geschrieben wurde, aber im 16. Jahrhundert spielt, auch das Buch Der Prinz und der Bettelknabe (Mark Twain).

Samstag, 2. Juli 2011

Aberglaube

-cp- Es gibt unzählige Begriffsschemata, nach denen sich Literatur in unterschiedliche Kategorien aufteilen lässt. Eines dieser Schemata trennt belletristische Texte in zwei Kategorien: in realistische und fantastische Literatur. Definiert man diese beiden Kategorien grob, dann würde realistische Literatur die Geschichten umfassen, die man als theoretisch in der Wirklichkeit denkbar einstufen würde, während die fantastische Literatur als Überbegriff für die Geschichten steht, die sich mit übernatürlichen Elementen befassen. Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes ist ein Beispiel für eine Figur, deren Geschichten sich im Grenzland zwischen den beiden Kategorien befindet. In der Tendenz würde man sie allerdings eher zur realistischen Literatur zählen, denn trotz der zum Teil hanebüchenen Handlungsabläufe wären sie rein theoretisch doch denkbar, da letztlich alle übernatürlich erscheinenden Phänomene durch Holmes' induktives Denken auf Natürliches und Erklärbares zurückgeführt wird.

Ein wichtiges Merkmal der Geschichten ist hierbei der Aberglaube der Figuren, denn ohne ihn würden übernatürlich erscheinende Ereignisse von vornherein nicht ernst genommen, und es gäbe keine Geschichten. Holmes' Waffen gegen den Abglauben sind Vernunft und Zweifel.

Der Aberglaube der Figuren ist auch in anderen Geschichten des fortgeschrittenen 19. Jahrhunderts ein wichtiges Merkmal, weil er bewirken kann, dass realistische Literatur eine mitunter gruselige Note bekommt.

In Die Abenteuer des Tom Sawyer (Mark Twain, 1876) möchte Toms Freund Huckleberry Finn eine Warze loswerden, und zwar mithilfe einer toten Katze: "Weißt du, du nimmst die Katze und gehst auf den Kirchhof gegen Mitternacht, dahin, wo ein Gottloser begraben ist. Wenn's dann Mitternacht ist, kommt ein Teufel - oder auch ein zweiter oder dritter -, du kannst sie aber nicht sehen, sondern hörst nur so was wie den Wind, oder hörst sie sprechen. Und wenn sie dann den Kerl fortschleppen, wirfst du die Katze hinterher und rufst 'Teufel hinterm Leichnam her, Katze hinterm Teufel her, Warze hinter der Katze her - Seh euch alle drei nicht mehr!' Das heilt jede Warze." (Ausgabe des Lingen-Verlags, Köln, S. 64)

Auch in Der Schimmelreiter (Theodor Storm, 1888) soll die Natur durch abergläubische Handlungen bezwungen werden. Protagonist Hauke Haien ist Deichgraf und will einen neuen, sicheren Deich bauen. Die Arbeiter meinen nun, ohne Opfer könne der Deich nicht halten. "Soll Euer Deich sich halten, so muss was Lebiges hinein!" - "Was Lebiges? Aus welchem Katechismus hast du das gelernt?" - "Aus keinem, Herr!", entgegnete der Kerl, und aus seiner Kehle stieß ein reches Lachen; "das haben unsere Großväter schon gewusst, die sich mit Euch im Christentum wohl messen durften! Ein Kind ist besser noch; wenn das nicht da ist, tut's wohl auch ein Hund!" (Ausgabe des Anaconda Verlags, Köln, 2006, S.105f.)

Mittwoch, 29. Juni 2011

Ian Richardson als Sherlock Holmes

-cp- Der schottische Schauspieler Ian Richardson hat in zwei BBC-Verfilmungen die Rolle des berühmten Detektives Sherlock Holmes übernommen. Beide Verfilmungen sind Umsetzungen von Original-Geschichten aus der Feder von Sir Arthur Conan Doyle: Der Hund von Baskerville (Literarische Vorlage: 1901-1902 im Strand Magazine; Verfilmung: 1983 BBC; Regie: Douglas Hickox). Das Zeichen der Vier (Literarische Vorlage: 1890 im Lippincott’s Monthly Magazine; Verfilmung: 1985 BBC; Regie: Desmond Davis).

Die Verfilmungen des BBC bestechen durch pointierte Dialoge, erstklassige Schauspieler und eine Ästhetik, die zwar hier und da trashige Tendenzen hat, aber insgesamt eine wunderbare Sherlock Holmes-Stimmung erzeugt. Beide Filme unterhalten (für jeweils etwas über anderthalb Stunden) ganz wunderbar und bringen das gewünschte Sherlock Holmes-Flair auf den Bildschirm: Londoner Nebel, mysteriöse Rätsel, unwiderstehliche Logik, absurde Krimikonstruktionen, britischer Humor und das Flair des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit Kutschen und Kopfsteinpflaster. Trotz technischer Schwächen der BlueRay (nur deutsche Tonspur, schlechtes Bild) sind die Filme für Sherlock Holmes-Fans überaus empfehlenswert.

Donnerstag, 9. Juni 2011

Alice im Wunderland (Hörspiel)

-cp- Anscheinend ist die Produktion einer Hörspielfassung von Lewis Carrolls Klassiker Alice im Wunderland nicht ganz unproblematisch. Vielleicht liegt es daran, dass die Geschichte sehr bildhaft und skurril ist, und dass gerade die vielen wunderbaren Figuren und Situationen schwer in das Medium Hörspiel zu übertragen ist. Versucht haben es dennoch einige, mal mehr, mal weniger gelungen.

1958 Südwestfunk
(Regie: Marcel Wall-Ophüls) Das Problem dieser Fassung ist das deutlich hörbare Alter. Zudem ist der Ton des Erzählers scheinbar auf Kleinstkinder ausgerichtet. Die Geräusch-Effekte sind sehr reduziert, das Wachsen und Schrumpfen ist zum Beispiel gar nicht hörbar. Die Alice-Darstellerin ist ziemlich gut, und insgesamt kann man von einer charmanten Hörspiel-Version sprechen, allerdings nicht von einer wirklich guten. Erhältlich auf CD im Programm von Der Audio Verlag.

1971 Europa
(Regie: Konrad Halver) Wie bei Europas Klassikern üblich, ist auch diese Fassung drastisch gekürzt. Alles ist sehr knapp gehalten, und so etwas wie Atmosphäre kommt nicht mal in Ansätzen auf. Auch Erzähler Hans Paetsch kann diese ziemlich trashige Hörspielfassung nicht retten. Erhältlich nur als MP3-Download.

ca. 1980 Litera
(Regie: Dieter Wardetzky) Schwerpunkt dieser DDR-Hörspielumsetzung ist die Musik, die sehr aufwendig ist und wunderbar zur Geschichte passt. Die Sprecher sind soweit okay, aber leider gibt es keinen Erzähler, sodass die Bildhaftigkeit der Geschichte komplett unter den Tisch fällt. Auch die Geräuscheffekte sind sehr reduziert. Dennoch hebt sich diese Fassung von vielen anderen ab, vor allem durch die Musik. Die Fassung ist als Audio-CD erhältlich.

1999 The Berlin Picture Company
(Regie: Regie: John Clark und Karin Hahn) Soviel Mühe sie sich auch gibt, Franziska Mager als Alice klingt weitestgehend überfordert. Der Text wirkt sehr abgelesen. Da einige der Sprecher mehrere Rollen spielen, ist die klare Zuordnung der Stimmen zu den einzelnen Figuren beinahe unmöglich. Auch wenn Erzähler und Soundeffekte durchaus als Pluspunkte zu erwähnen sind, ist dieses Hörspiel insgesamt schwach. Die Fassung ist auf CD erhältlich.

2005 Universal Family Entertainment
(Regie: Jürgen Nola und Markus Steffen) Diese Produktion kann sich nicht so recht entscheiden, ob sie Hörspiel oder Lesung sein möchte. Offiziell ist Ilja Richter der Erzähler, zwischendurch übernimmt auch Sabine Postel, die im Booklet einfach als „Sprecherin“ geführt wird. Allerdings ist sie eigentlich auch so etwas wie eine Erzählerin, wenn auch mit geringerem Wortanteil. Die Wirkung der Produktion ist die einer Lesung. Ilja Richter bemüht sich auch um stimmliche Vielfalt, um den unterschiedlichen Figuren gerecht zu werden. Dann auf einmal gibt es allerdings auch andere Stimmen, die einige der Rollen übernehmen, und es wirkt doch eher wie ein Hörspiel, allerdings ohne Musik- oder Geräuscheinsatz. Es gibt keine Atmosphäre, und der bemühte Ilja Richter, auch wenn er seine Sache ganz gut macht, genügt bei Weitem nicht, die Produktion zu retten, denn das Konzept geht einfach nicht auf. Erhältlich als Audio-CD.

2010 Titania Medien
(Regie: Stephan Bosenius & Marc Gruppe) Das Hörspiel ist kurzweilig und hat viele Höhepunkte zu bieten. Etwas albern geraten sind vielleicht die Auftritte des Erzählers, in denen er mit den Figuren kommuniziert. Die Musik ist etwas zu seicht und passt eigentlich nicht zum Inhalt. Und wie so oft bei Titania entsteht beim Hören das Gefühl, einen Film ohne Bild geliefert zu bekommen. Die Produktion ist zwar technisch perfekt, aber ihr fehlt ein wenig der Geist der Geschichte. Alles in allem ist dieses "Alice im Wunderland"-Hörspiel dennoch die eindeutig beste Umsetzung des Stoffes. Erhältlich als Audio-CD.

Darüber hinaus gibt es noch einige Aufnahmen, die sich zwar "Hörspiel" nennen, allerdings nur die Tonspur einer Film-Version des Stoffes auf Tonträger liefern. Diese Fassungen sind als Hörspiele allesamt wenig ernst zu nehmen.

Dienstag, 7. Juni 2011

Das Gespenst von Canterville (Hörbücher)

-cp- Der irische Schriftsteller Oscar Wilde (1854-1900) hat viel geschrieben. Seine Kunstmärchen gehörten nicht unbedingt zum Zentrum seines Schaffens, aber dennoch haben sie einen besonderen Stil, der bisweilen an Hans Christian Andersen erinnert. Es ist diese Mischung aus subtilem Humor und Tiefgründigkeit, eingebettet in Märchen, die mitunter todtraurig sind.

Eines dieser Märchen ist die relativ bekannte Spukgeschichte "Das Gespenst von Canterville". Es geht um eine amerikanische Familie, die das altehrwürdige Schloss Canterville kauft. Die Warnungen vor dem Gespenst nehmen sie ebensowenig ernst wie das Gespenst selbst. Dies gibt sich alle Mühe, die Familie in Angst und Schrecken zu versetzen. Doch die Amerikaner sind einfach nicht zu schocken und stürzen das Gespenst in eine schwere Depression, hinter der natürlich noch mehr steckt. Dieses zunächst witzige, später sehr anrührende Märchen wurde schon einige Male als Hörbuch veröffentlicht. Vier hervorhebenswerte Fassungen sollen hier kurz vorgestellt werden:

Unter der Regie von Lilian Westphal, produziert vom Bayerischen Rundfunk (1993) ist bei Der Hörverlag eine Hörspielfassung erschienen. Peter Fricke als Erzähler, Henning Schlüter als Gespenst uva. sind Teil eines atmosphärisch dichten, sehr unterhaltsamen Hörspiels. [CD bei Amazon]

Bei Headroom ist "Das Gespenst von Canterville" in der mehrfach ausgezeichneten Orchesterhörspiel-Fassung des SWR erschienen. Henrik Albrecht hat die Musik zur Geschichte geschrieben, die vom SWR Rundfunkorchester Kaiserlautern eingespielt wurde. Auch hier ist Peter Fricke als Erzähler zu hören. Laura Marie spicht Virginia, alle anderen Rollen werden von Stefan Kaminski zum Besten gegeben. Auch diese Fassung ist sehr empfehlenswert, man muss sich lediglich darauf einlassen, dass hier die Musik sehr im Mittelpunkt der Geschichte steht. [CD bei Amazon]

Wunderbar atmospärisch ist die Lesung von Otto Sander, der einfach mit einer wunderbaren Erzähl-Stimme gesegnet ist, was er schon oft unter Beweis gestellt hat, beispielsweise in dem preisgekrönten Hörspiel "Prinzessin Maria vom Meere" oder als Erzähler des Filmes "Das Parfüm". Seine im Jahr 2000 bei Kein&Aber erschienene Lesung der Geschichte ist in trockenem Ton vorgetragen und gleichzeitig wunderbar märchenhaft. [CD bei Amazon]

Zuletzt sei eine weitere Lesung empfohlen. Das bei der Deutschen Grammophon erschienene Hörbuch mit Hans-Jürgen Schatz sticht ein wenig aus der Masse der Hörbücher heraus. Schatz findet für die Geschichte genau den richtigen Ton. Er spielt mit den verschiedenen Charakteren und erzählt die Geschichte sehr locker, ohne jedoch ins Flapsige abzugleiten. [CD bei Amazon]

Montag, 6. Juni 2011

Märchendichter des 19. Jahrhunderts

-cp- Das 19. Jahrhundert war auch die Zeit der Märchen, denn die meisten weltberühmten Märchen wurden in dieser Zeit veröffentlicht. Hierfür gab es verschiedene Gründe: Zum einen wurde die Technik des Buchdrucks verbessert, sodass schneller mehr gedruckt werden konnte. Die Kataloge der Buchmessen zeigen, dass sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Zahl der Novitäten vervierfacht hat. Zudem war für das Wachstum des Buchmarktes eine Verbesserung der Infrastruktur nötig: Zum einen musste mehr Papier hergestellt und zu den Druckereien gebracht wurden, zum anderen musste der Buchhandel insgesamt wachsen (und beliefert werden können).

Außerdem waren romantische Strömungen entscheidend. Diese beinhalteten nationalistische Gedanken, was die Volksmärchensammler dazu gebracht hat, deutsche Märchen zu sammeln, um sie als nationales Kulturgut hervorzuheben. Diese "nationalistische Tendenz" war keinesfalls politisch rechts zu werten. Bedenkt man, dass sich die Grenzen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts quasi im Fünf-Minuten-Takt geändert haben, und dass Deutschland als Nation noch nicht existierte, ist diese Tendenz vielleicht nachvollziehbar. Zudem war auch die Begeisterung für Übernatürliches und Geheimnisvolles bei einigen Romantikern von Bedeutung. Diese (und andere) Entwicklungen und Impulse führten dazu, dass Märchen in Buchform veröffentlicht werden konnten.

Bedeutende Märchendichter und -sammler des 19. Jahrhunderts waren die Brüder Grimm (Sammler), Aleksander Afanasjew (Sammler), Hans-Christian Andersen (Dichter), Oscar Wilde (Dichter) und Wilhelm Hauff (Dichter).

Freitag, 3. Juni 2011

Eselsohren

-cp- Das "Eselsohr" ist nicht nur ein Teekesselchen mit verschiedensten Bedeutungen, sondern auch ein klassisches Motiv aus Kinderliteratur und Märchen. Interessant ist in diesem Zusammenhang das Eselsohr als Narrenkappe, was vermutlich die doppelte Strafe für die Protagonisten der Geschichten erklärt, denen Eselsohren wachsen: Die entstellenden Tierohren haben gleichzeitig die Narrenkappen-Symbolik.

Beim Esel als Märchenfigur denken viele vermutlich zunächst an den Esel aus Tischlein deck Dich der Brüder Grimm. Der ist zwar nicht als Figur interessant, da er mit dem "Tischlein deck Dich" und dem "Knüppel aus dem Sack" in einer Reihe steht und daher eher als magisches Artefakt zu sehen ist, aber der "Goldesel" ist durch dieses Märchen zum festen Begriff geworden. Einen weiteren bekannten Esel gibt es in der deutschen Märchenlandschaft, und der ist Sänger bei den "Bremer Stadtmusikanten".

Ein neben dem Esel als Figur sehr interessantes Märchenmotiv ist der Mensch mit Eselsohren. Hier ist zunächst mal das vor allem in Portugal, aber auch in Spanien bekannte Märchen "Der Prinz mit den Eselsohren" zu nennen. Da bekommen Königin und König einen Sohn. Die Feen geben ihm gute Wünsche mit auf den Weg, nur eine Fee sagt, dass ihm Eselsohren wachsen sollen, damit er nicht zu stolz und hochmütig werde. Und so geschieht es.

In "Der kleine Muck" von Wilhelm Hauff isst die Titelfigur magische Feigen, woraufhin ihm Eselsohren wachsen. Durch das Essen von magischen Feigen eines anderen Baumes verschwinden die Eselsohren wieder. Diese beiden Sorten Feigen nutzt der kleine Muck aus und stellt damit den Hofstaat auf den Kopf.

Auch in dem bekannten Kinderbuch "Pinocchio" (Carlo Collodi) geschieht etwas Ähnliches. Im Spielland gibt sich Pinocchio dem Müßiggang hin, und er verwandelt sich in einen Esel. Er wird an einen Zirkus verkauft, wo er sich während einer Vorstellung verletzt. Er wird weiterverkauft, ins Meer geworfen und verwandelt sich zurück.

Selbst in der Antike gibt es das Motiv: Lucius Apuleius schrieb einen lateinischen Roman nach der griechischen Vorlage von Lukian von Samosata. Titel: "Der goldene Esel". Ein junger Mann beobachtet eine Hexe, die sich mit Hilfe einer Salbe in einen Vogel verwandelt. Er will es auch versuchen, doch weil dabei die Salben verwechselt werden, verwandelt er sich in einen Esel.

Das Märchen "Eselsohr und Hahnenkamm" aus meinem gleichnamigen Buch (Hörspielfassung auf CD: Rumpelstilzchen schlägt zurück) greift das Motiv ebenfalls auf. (Der Hahnenkamm war übrigens auch Narrenkappe.) Hier stehlen zwei junge Burschen einer Hexe Äpfel vom Baum. Und als sie die Äpfel essen, verwandeln sie sich. Dem einen wächst ein Hahnenkamm und ein Schnabel, dem anderen wachsen Eselsohren. Sie werden nun verspottet und ausgegrenzt, suchen das Weite und landen schließlich bei einem kleinen Jahrmarkt, dessen Direktor sie quasi als Monster ausstellt. Nun tun sie alles, um aus dem Jahrmarkt zu fliehen.

Letzter Literaturtipp: Ellis Kaut ("Pumuckl", "Schlupp vom grünen Stern") hat ein Kinderbuch mit dem Titel "Der kluge Esel Theobald geschrieben", das seit geraumer Zeit vergriffen, aber durchaus noch gebraucht zu bekommen ist. Einige hier aufgeführte Motive (Esel, Hexen, Zirkus, ...) finden sich auch in diesem Buch wieder.

Mittwoch, 1. Juni 2011

Der Sueskanal und die literarische Weltreise

-cp- Am 17. November 1869 wurde der Sueskanal eröffnet. Dieses Ereignis war für die Seefahrt von großer Bedeutung, denn der Ägypten und die arabische Halbinsel trennende Kanal ermöglichte es Schiffen, vom Mittelmeer in das Rote Meer und somit in den Indischen Ozean zu gelangen. Der weite Seeweg rund um den afrikanischen Kontinent herum erübrigte sich somit. Aber nicht nur für tatsächliche, sondern auch für literarische Weltreisen war die Eröffnung des Sueskanals von Bedeutung.

Jules Verne - Reise um die Erde in 80 Tagen
Der bekannte, mehrfach verfilmte Romanklassiker von Jules Verne wurde 1873 geschrieben und handelte von Phileas Fogg, einem englischen Gentleman, der mit seinen Freunden die Wette eingeht, dass es ihm gelingen würde, in 80 Tagen um die Erde zu reisen. Der Roman ist einer Reise des Amerikaners George Francis Train nachempfunden. Für beide Reisen, die literarische wie die wirkliche, waren zwei historische Ereignisse von Bedeutung: zum einen die bereits erwähnte Eröffnung des Sueskanals (17. November 1869), zum anderen die der amerikanischen Eisenbahn, welche seit dem 10. Mai 1869 eine durchgehende Bahnreise von der Ost- zur Westküse (und umgekehrt) ermöglichte. Im Roman selbst ist auch von einem wichtigen Ausbau des Streckennetzes der Indischen Eisenbahn von Rothal nach Allahabad die Rede. Dieser erweist sich jedoch als Falschmeldung.

Alessandro Baricco - Seide
Der novellenartige Roman Seide wurde 1996 von Alessandro Baricco geschrieben. Die (fiktive) Geschichte rund um Hervé Joncour, der in den Jahren 1861 bis 1864 von Frankreich nach Japan (und zurück) reist, spielt fünf Jahre vor der Eröffnung des Sueskanals. Somit ist die Reise nach Japan für den Protagonisten eine Transkontinentalreise durch Europa und Asien. Er ist hauptsächlich zu Pferd unterwegs und braucht entsprechend einige Wochen. Seine Mission ist der Handel mit Seidenraupeneiern, aber es ist auch heimliche Sehnsucht nach der jungen Frau seines japanischen Handelspartners im Spiel. Aus verschiedenen Gründen ist die Reise für ihn nach 1864 nicht mehr möglich bzw. nötig. In Kapitel 54 heißt es dann: "Eine Reise nach Japan sollte mit der Eröffnung des Sueskanals ab 1869 übrigens nur noch zwanzig Tage in Anspruch nehmen. Und etwas weniger als zwanzig Tage die Rückkehr."

Dienstag, 31. Mai 2011

ICD-lit: Störungen der Sichtbarkeit

-cp- In Anlehnung an die ICD-10 sollen in Zukunft unregelmäßig "Krankheitsbilder" vorgestellt werden, die rein literarischer Natur sind. Es werden also keine wirklichen Erkrankungen oder Störungen vorgestellt, sondern nur solche, die ausschließlich in literarischen Werken (Film, Buch, Hörspiel, Theater) vorkommen. Daher der (nicht ganz ernst gemeinte) Überbegriff ICD-lit.

Heute ein Beitrag zu Störungen der Sichtbarkeit:

Entgegen der Störungen, die das Sehvermögen betreffen, und von Augenarzt und Optiker behandelt werden, bietet die Literatur auch "Störungen der Sichtbarkeit" an, d.h. Störungen, die das tatsächliche Aussehen insofern betreffen, dass andere den "Gestörten" nicht richtig sehen können. Hier die verschiedenen Erscheinungsformen:
  1. Scheinriesigkeit: Ein von dieser Störung betroffener Mensch begegnet uns in Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Herr Turtur ist ein Mensch von "normaler" Körpergröße, sieht aber aus der Ferne aus wie ein Riese, was dazu führt, dass die Menschen (und die Halbdrachen) ihn meiden, weil sie Angst vor ihm haben.
  2. Unschärfe: In Woody Allens Film Harry außer sich spielt Robin Williams den Schauspieler Mel, der auf einmal ganz unscharf ist und von den Kameras nicht mehr scharf aufgenommen werden kann. Seine Familie muss sich durch das Tragen von Spezialbrillen auf seine Unschärfe einstellen.
  3. Durchsichtigkeit: In Paul Maars Bilderbuch Als Herr Martin durchsichtig wurde ist der Protagonist Herr Martin von diesem Störungsbild betroffen. Die Leute sehen auf einmal durch ihn hindurch.
  4. Schwersichtbarkeit: In dem Film Eine Insel namens Udo geht es um einen Mann, der im wahrsten Wortsinn schwer sichtbar ist, d.h. die Leute können ihn nur entdecken, wenn sie ganz genau hinsehen, er ist für sie beinahe unsichtbar.